Teilnahme an Schreibwettbewerben teilnehmen – zwischen Größenwahn und Selbstzweifel
Zugegeben: Als ich zum ersten Mal darüber nachgedacht habe, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen, war mein erster Gedanke nicht: Das wird bestimmt spannend.
Mein erster Gedanke war: Was, wenn die anderen viel besser sind als ich?
Als Autor kennt man diese Stimme. Sie taucht zuverlässig auf, sobald man einen Text zur Abgabe fertiggestellt hat, und sie hat erstaunlich wenig Interesse daran, einem den eigenen Erfolg zu gönnen. Während man beim Schreiben noch überzeugt war, gerade einen großartigen Absatz produziert zu haben, liest man ihn zwei Stunden später erneut und fragt sich, ob man vielleicht doch besser Klempner geworden wäre.
Das ist natürlich Unsinn. Aber Selbstzweifel sind selten besonders rational.
Und genau deshalb finde ich Schreibwettbewerbe interessant. Sie zwingen einen dazu, diese Zweifel zumindest für einen Moment beiseitezuschieben und den eigenen Text tatsächlich aus der sicheren Schublade herauszuholen. Solange eine Geschichte dort liegt, ist sie unangreifbar. Sie kann nicht schlecht bewertet werden, weil sie niemand gelesen hat. Sie kann nicht verlieren, weil sie nie angetreten ist.
Aber: Sie kann auch nicht gelesen werden, nicht erreichen, nicht nachdenklich machen, nicht zum Lachen bringen, nicht zum Weinen und nicht unterhalten.
Es wäre eine sehr traurige Geschichte.
Warum nimmt man überhaupt an einem Schreibwettbewerb teil?
Die offensichtliche Antwort lautet: weil man gewinnen möchte.
Natürlich möchte man gewinnen. Ich kenne jedenfalls keinen Autor, der einen Text einreicht und sich insgeheim denkt: „Hoffentlich werde ich Letzter. Das wäre eine schöne Erfahrung.“
Wir schreiben, weil wir Geschichten erzählen wollen, und die oben erwähnten Emotionen provozieren wollen - aber ein bisschen Anerkennung darf dabei durchaus eine Rolle spielen. Für mich ist eine Kernmotivation jedoch vor allem, überhaupt eine Reaktion zu bekommen. Es ist schön, sich beim Schreiben vorzustellen, wie jemand bei einer Passage bestimmt schmunzeln muss. Aber wenn es dir dann jemand erzählt, dass das auch tatsächlich passiert ist, ist das mehr wert als Gold.
Wenn eine Jury den eigenen Text auswählt, ist das eine Bestätigung dafür, dass die Geschichte jemanden erreicht hat. Wenn irgendein Leser dir erzählt, was er bei gewissen Passagen dachte, wann er lachen oder weinen musste oder was er als Ende erwartet hätte und wie ihn das überrascht hat – das ist der Stoff für den Autoren leben.
Diese Interaktion bekommt man von einer Jury eher nicht, dort zählt letzten Endes nur die Platzierung und vielleicht die Veröffentlichung in einer Anthologie vielleicht. Trotzdem wäre es ein Fehler, den Wert eines Wettbewerbs ausschließlich an der Platzierung festzumachen.
Für mich liegt ein großer Teil des Reizes bereits darin, dass es überhaupt eine Vorgabe gibt. Ein Thema, eine bestimmte Länge, vielleicht ein Genre oder eine konkrete Aufgabenstellung. Was zunächst wie eine Einschränkung wirkt, kann beim Schreiben erstaunlich befreiend sein.
Denn ohne Vorgabe ist theoretisch alles möglich. Und genau darin liegt manchmal das Problem.
Wenn ich ein leeres Dokument öffne und mir sage, dass ich jetzt einfach irgendeine gute Geschichte schreiben könnte, fallen mir ungefähr dreihundert Dinge ein, die ich schreiben könnte. Nach zehn Minuten sind es nur noch zweihundert. Nach zwanzig Minuten überlege ich, ob ich nicht erst einmal einen Kaffee brauche.
Ein Wettbewerbsthema nimmt mir diese Entscheidung ab.
Plötzlich lautet die Frage nicht mehr: Was könnte ich schreiben? sondern: Was kann ich aus diesem Thema machen?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Ein Thema kann eine Geschichte auslösen, die man gar nicht geplant hatte
Besonders spannend wird es, wenn das Thema nicht einfach nur eine Handlung vorgibt, sondern einen gewissen Interpretationsspielraum lässt.
Ein einziges Wort kann dann reichen, um eine Geschichte anzustoßen. Manchmal entsteht daraus etwas völlig anderes als ursprünglich gedacht. Man ist gezwungen, Türen zu öffnen, Brücken zu bauen und Charaktere zu erschaffen, die einen sonst vielleicht nie beschäftigt hätten.
Genau das mag ich am Schreiben. Eine Idee beginnt harmlos. Man setzt sich hin, schreibt die ersten Seiten und stellt irgendwann fest, dass die Geschichte offenbar beschlossen hat, ihren eigenen Weg zu gehen. Als Autor darf man dann entscheiden, ob man sie zurück auf die geplante Strecke zwingt oder ihr folgt und damit lebt.
Bei Wettbewerben ist diese Freiheit natürlich durch die Vorgaben begrenzt. Aber gerade das kann interessant sein. Man muss Entscheidungen treffen und kann sich nicht ewig hinter der nächsten möglichen Variante verstecken.
Der eigentliche Gegner sitzt meistens vor der Tastatur
Was ich an Schreibwettbewerben besonders lehrreich finde, ist der Umgang mit dem eigenen Perfektionismus. Als Autor kann man sich nämlich wunderbar selbst beschäftigen, ohne auch nur eine einzige neue Zeile zu schreiben. Man kann recherchieren. Man kann den bisherigen Text überarbeiten. Man kann eine Formulierung verbessern, die bereits völlig in Ordnung war. Man kann einen Absatz verschieben, wieder zurückschieben und anschließend feststellen, dass die ursprüngliche Version doch besser war. (…sich die Haare raufen, Kaffee machen, mehr Kaffee, schlafen gehen, verzweifeln, den Kopf gegen die Wand hauen.)
Man kann sogar sehr produktiv aussehen, während man überhaupt nicht vorankommt.
Ein Wettbewerb setzt hier eine ziemlich angenehme Grenze. Irgendwann muss der Text fertig sein. Irgendwann muss man aufhören, einzelne Sätze zu streicheln, als wären sie besonders empfindliche Haustiere.
Und dann kommt der Moment, an dem man entscheiden muss: Ist der Text gut genug? Kann ich ihn loslassen?
Diese Frage ist schwieriger, als sie klingt. Perfekt wird er wahrscheinlich nie. Gut genug muss er aber irgendwann sein.
Loslassen. Der Klick auf „Absenden“
Ich glaube, der schwierigste Teil eines Schreibwettbewerbs ist nicht das Schreiben. Es ist der Moment, in dem man den fertigen Text abschickt. Bis dahin befindet sich die Geschichte noch vollständig in der eigenen Kontrolle. Man kann sie verändern, verteidigen, man kann sich selbst einreden, dass die Jury sie nur richtig lesen müsste, um ihre Genialität zu erkennen.
Nach dem Absenden ist damit Schluss. Jetzt gehört die Geschichte zumindest für eine Weile nicht mehr nur einem selbst. Sie wird gelesen, bewertet und mit anderen Geschichten verglichen.
Und plötzlich kommt die Erkenntnis, die man beim Schreiben gerne verdrängt: Andere Menschen haben möglicherweise eine andere Meinung als man selbst.
Das ist für Autoren eine wichtige Erfahrung. Denn beim Schreiben kennen wir den gesamten Hintergrund unserer Geschichte. Wir wissen, warum die Figur so handelt. Wir kennen ihre Gedanken, ihre Vorgeschichte und möglicherweise zehn Seiten Material, das wir niemals in den Text aufgenommen haben. Der Leser kennt das alles nicht. Er hat nur die Geschichte.
Wenn etwas nicht funktioniert, kann man ihm nicht hinterherlaufen und sagen: „Moment, ich erkläre Ihnen kurz, wie das eigentlich gemeint war.“
Das wäre zwar gelegentlich sehr verlockend, aber vermutlich keine besonders erfolgreiche Literaturveranstaltung.
Eine Jury ist kein Orakel
Ein weiterer Punkt, den man sich immer wieder bewusst machen sollte: Eine Jury bewertet einen Text. Sie fällt kein endgültiges Urteil über den Autor. Das klingt selbstverständlich, wird aber erstaunlich schnell vergessen. Wenn man gewinnt, fühlt man sich bestätigt. Wenn man nicht gewinnt, beginnt man möglicherweise damit, den gesamten eigenen Schreibstil infrage zu stellen.
Dabei kann zwischen diesen beiden Ergebnissen manchmal nur eine sehr subjektive Entscheidung liegen. Jury-Mitglieder haben unterschiedliche Vorlieben. Sie achten auf unterschiedliche Dinge. Der eine liebt eine reduzierte Sprache, die andere bevorzugt ausführliche Beschreibungen. Der eine möchte überrascht werden, die andere legt mehr Wert auf Atmosphäre.
Ein Text kann deshalb hervorragend geschrieben sein und trotzdem nicht auf dem Siegertreppchen landen. Das bedeutet nicht automatisch, dass er schlecht ist, sondern zunächst nur, dass er diesen Wettbewerb nicht gewonnen hat.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Und dann beginnt das Warten
Nachdem man den Text abgeschickt hat, passiert etwas Merkwürdiges.
Man wartet.
Am Anfang ist das überhaupt kein Problem. Schließlich hat man ja gerade einen Text fertiggestellt und kann sich anderen Dingen widmen. Ein paar Tage später schaut man vielleicht einmal auf die Wettbewerbsseite. Nur ganz kurz. Natürlich. Eine Woche später schaut man wieder nach. Vielleicht gibt es ja schon Neuigkeiten. Dann stellt man fest, dass die Ergebnisse erst in drei Wochen veröffentlicht werden. Also wartet man weiter. Und irgendwann ertappt man sich dabei, wie man darüber nachdenkt, welche Geschichte wohl gewinnen könnte, obwohl man keine einzige der anderen Einsendungen kennt. Das Gehirn ist in solchen Situationen erstaunlich kreativ. Manchmal ist es besser, einfach weiterzuschreiben.
Was passiert, wenn man nicht gewinnt?
Man ist enttäuscht. Zumindest ein bisschen. Alles andere wäre wahrscheinlich Selbstbetrug.
Wenn ich Zeit in eine Geschichte investiere, sie überarbeite und schließlich einreiche, hoffe ich natürlich darauf, dass sie gut ankommt. Wenn mein Name dann nicht unter den Gewinnern steht, darf mich das auch kurz ärgern. Entscheidend ist, was danach passiert.
Ich kann den Text weglegen und mir sagen, dass ich offenbar nicht gut genug bin.
Oder ich kann mir sagen, dass ich eine Geschichte geschrieben habe, die immerhin gut genug war, um den Mut zu haben, sie einzureichen. Die zweite Variante bringt mich vermutlich weiter.
Für mich ist das meistens Erlösung, denn nun kann ich den Text endlich veröffentlichen. (Und vielleicht noch mit den ungefähr tausend Ideen korrigieren, die mir in der Wartezeit eingefallen sind.)
Was Schreibwettbewerbe mit einem Autor machen können
Für mich liegt der größte Wert von Schreibwettbewerben deshalb nicht unbedingt in den Preisen oder Urkunden.
Sie sind eine Art Trainingsplatz.
Man lernt, innerhalb eines bestimmten Rahmens zu schreiben. Man lernt, Ideen zu verdichten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Man lernt, einen Text fertigzustellen, obwohl man ihn theoretisch noch hundertmal verändern könnte.
Und man lernt vor allem, mit Bewertung umzugehen.
Das ist für einen Autor nicht unwichtig.
Wer veröffentlicht, setzt sich zwangsläufig dem Urteil anderer aus. Leser werden Geschichten lieben, die man selbst vielleicht nur mittelmäßig findet. Andere werden einen Text kritisieren, in den man sein ganzes Herz gesteckt hat. Damit muss man umgehen lernen. Man setzt einen Text ins Rennen, wartet auf das Ergebnis und bekommt eine kleine Lektion darin, dass die Welt nicht untergeht, wenn die Jury anderer Meinung ist.
Im besten Fall gewinnt man sogar. Dann darf man sich natürlich freuen. Und zwar ordentlich.
Wenn das Thema stimmt, würde ich immer wieder an einem Schreibwettbewerb teilnehmen.
Nicht, weil ich davon ausgehe, dass ich jeden Wettbewerb gewinnen werde. Das wäre ungefähr so realistisch, wie davon auszugehen, dass man beim ersten Versuch einen Bestseller schreibt, der gleichzeitig verfilmt wird und bei dem die Hauptrolle von seinem persönlichen Lieblingsschauspieler übernommen wird.
Schön wäre es natürlich trotzdem.
Ich würde wieder teilnehmen, weil Wettbewerbe mich zum Schreiben bringen. Sie geben einer Idee einen Rahmen und einem Text einen Termin. Sie sorgen dafür, dass man neue Sicht- und Denkweisen entwickelt. Und vielleicht ist das am Ende wichtiger als die Platzierung.
Eine Geschichte, die niemals geschrieben wird, kann nicht gewinnen. Sie kann allerdings auch nicht verlieren. Sie bleibt einfach nur eine Idee – wenn überhaupt.
Ich möchte lieber Geschichten schreiben, die das Risiko eingehen, bewertet zu werden.
Vielleicht landet eine davon auf dem ersten Platz. Vielleicht schafft sie es nicht einmal in die engere Auswahl. Vielleicht lese ich den Text ein Jahr später noch einmal und frage mich ernsthaft, was ich mir damals dabei gedacht habe. Auch das gehört zum Schreiben. Denn ein Autor ist nicht jemand, der ständig gewinnt. Ein Autor ist jemand, der immer wieder anfängt, obwohl er weiß, dass nicht jede Geschichte funktionieren wird. Er öffnet das leere Dokument, findet eine Idee, schreibt sie auf, zweifelt daran, überarbeitet sie, verwirft vielleicht drei Versionen und schreibt schließlich die vierte fertig. Und irgendwann sitzt er vor dem Bildschirm, sieht den fertigen Text und weiß, dass jetzt der unangenehme Teil kommt.
Er muss jetzt mutig sein und loslassen
